· 

Yosh - mein Herzhund und wieso ich nie wieder aufhöre zu lernen

 

 

Wahrscheinlich war es einfach eine Schnapsidee. Völlig desillusioniert und auf der Suche war wochenlang, monatelang dieser bohrende Wunsch in meinem Kopf:

 

 

 

Ein Hund ein Hund ein Hund ein Hund ein Hund….

 

 

 

Diskussionen mit meinem Partner, hin und her , abwägende Gedanken und dieses Gefühl …. Einige kennen das vielleicht. Möglicherweise ist es sogar ungesund ……., wahrscheinlich ist es das.

 

Ein Lebewesen für das eigene Seelenheil sollte nicht der Grund sein, die Verantwortung für ein solches zu übernehmen. Aber nun gut, so war das wohl.

 

 

 

Und er zog ein. Der Yosh. Mein Herzhund!

 

 

Und mit ihm kamen die Probleme, die Tränen, der Streit und eine große Hilflosigkeit, sowie einige der schönsten Stunden in meinem Leben.

 

 

 

Ich möchte da gar nicht so tief bohren und das ausweiten. Es war einfach so … Wir haben viele Fehler gemacht - trotz reichlicher Lektüre. Ich wusste zu wenig und Yosh, der Border Collie Mix, war so sehr auf mich fixiert und ich auch auf ihn, dass er mich kontrollierte und was viel schlimmer war, - ich mich kontrollieren ließ. Ihn alleine lassen? Keine Chance… Natürlich wurde das trainiert. Doch diese Verlassens- und Verlustängste, die in dieser Hundeseele steckten, waren riesig und ich zu schwach.

 

 

An dem Tag, als ich Yosh abholte, hier auf den Fußboden setzte und ihm zusah wie er die Gegend erkundete, kam in mir ein Panik Gefühl hoch. Es rief mir zu :

 

 

 

Was habe ich getan?

 

 

 

Ja was hatte ich getan. Die Verantwortung schlug wie ein Steinschlag über mir zusammen. Das war dann auch der Startschuss zu einer ewig anhaltenden Grippe.

 

Hilflosigkeit …. In Retroperspektive war das Ganze ziemlich schrecklich, damals kam es mir gar nicht so schlimm vor, ich wollte es ja auch nicht. Ich wollte nicht, dass es sich „schlimm“ anfühlt. Dieser Hund sollte mein Leben verändern.

 

 

 

 


 

Dieser Hund HAT mein Leben verändert.

 

 

 

Die Beziehung zerbrach. Nicht die Mensch-Hund Beziehung. Die Mensch-Mensch Beziehung. Natürlich war nicht Yosh daran Schuld, mit ihm ging das Ganze mutmaßlich nur schneller.

 

 

 

Ich musste lernen mich mit Menschen auseinanderzusetzen, die ein „Nein“ nicht akzeptieren. Es ist erschreckend wie anmaßend manche Leute sind, was sie sich als Rechte herausnehmen, was den fremden Hund betrifft. Wie oft wurde Yoshi gestreichelt, obwohl er es nicht wollte, und viel zu selten hab ich vernünftig protestiert, meinen Hund angemessen geschützt. Beschämend. Das hätte über alles gehen müssen.

 

 

Zwei Jahre. Zwei Jahre begleitete mich dieser wundervolle Hund. Hing an meinen Augen, an meinen Lippen, hat jede Bewegung wahrgenommen, sich an mir orienrtiert. Weglaufen? Austesten?

 

Nein, an sowas hat er nicht gedacht. Ich war das Schaf, das geliebte Schaf, sein wertvollster Schatz und wir haben gelernt, all dem was uns stresst aus dem Weg zu gehen.

 

 

Hätte ich ihn besser verstanden, wäre ich den Dingen niemals aus dem Weg gegangen. Sich den Problemen zu stellen und daran zu arbeiten, das ist der richtige Weg. No shit sherlock, nicht die neuste Erkenntnis. Aber wie gut man im Verdrängen sein kann.

 

 

 

Wir sind den anderen Weg gegangen. Den leichten. Abends und Nachts liefen wir stundenlang im Einklang miteinander durch die Wälder, Straßen und Gebiete. Ich weiß noch sehr gut wie sich das angefühlt hat, wir zwei in unserer kleinen Blase, in der ich alle Probleme ausblenden konnte und er eine Ruhe in mir auslöste, die ich in meinem Job, in meinem Privatleben, nicht erfahren konnte. Wir waren glücklich. Sehr oft.

 

 

 

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich bestimmt in der weiterführenden Zeit dazu gelernt hätte, einsehen hätte können, dass wir uns auf die Probleme mehr konzentrieren müssen, mehr arbeiten , mehr reflektieren ... ich wünschte ich könnte das mit Gewissheit sagen, leider …. ich weiß es wirklich nicht.

 

 

 

 


 

Yosh starb.

 

Unvorhergesehen.

 

Aus dem Nichts und dieser zähe Hund hat sich dabei nichtmal etwas anmerken lassen.

 

Er kam mit einem lauten Krachen und er ging auf lautlosen Pfoten.

 

 

 

Ich war alleine. Mein bester Freund, mit dem ich zusammen wohne, war an jedem Wochenende in der Heimat bei seiner Familie.

Es war ein Samstag und ich kam spät mit Yosh nach Hause. Ich bestellte mir was zu essen, schlug völlig über die Stränge und er lag mit mir auf dem Sofa. Der quirlige Körper stiller als üblich, den Kopf auf meinen Knien. Er war sehr erschöpft und bei mir hätten die Alarmklingeln angehen müssen, denn wenn dieser Hund eins nicht konnte, dann Erschöpfung zeigen, seine Impulskontrolle war so gut wie nicht vorhanden.

 

Doch ich dachte einfach, er sei ausnahmswiese wirklich geschafft und entspannt und so schliefen wir ein. Nebeneinander und ich schlief tief und fest. Und er auch.

 

Nur er ... er ist nicht mehr erwacht.

 

 

 

Dieses Gefühl werde ich ebenfalls nie wieder vergessen. Er war fort. Einfach so.

 

 

 

Gift.

 

 

 

Mein bester Freund kam sofort zurück. Und der Schmerz, den er fühlte und nach außen trug, war genauso groß wie meiner, nur dass ich ihn in meinem Herzen vergrub. Ich hatte kein Bedürfnis den Körper zu streicheln, zu schreien, zu weinen.

 

 

 

Ich wollte weg. Weg aus den beklemmenden vier Wänden.

 

 

Wir ließen ihn von einem Bestattungsinstitut abholen. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es so etwas gibt. Denn ohne Auto wäre es furchtbar gewesen, den toten Körper in der Bahn zu einem Tierarzt zu transportieren. So wurde er am Sonntag abgeholt und mit anderen toten Körpern zusammen verbrannt und über ein Feld gestreut.

 

 

 

Wir aber - wir zurückgebliebenen - wir beide, wir fuhren nach Lübeck. Meine gute Freundin empfing uns in ihrem Heim und wir ließen über dem Meer am Hundestrand eine Himmellaterne steigen, und seinen Lieblingsball sowie sein Halsband befestigten wir an einem Steg.

 

 

 

 

Als wir ein paar Tage später zuhause waren … ja was dann? Ich weiß es nicht mehr. Es ging eben weiter. Und weiter. Und dieses stumpfe Gefühl in mir drin und die Vorwürfe die kamen, hielten mich sehr fest. Sämtliche Fehler und ignoranten Handlungen von mir schlugen mir immer wieder ins Gesicht und mich ließ diese eine Frage nicht los :

 

Warum? Warum hab ich es nicht besser gewusst? Nicht besser gemacht?

 

 

All das, was ich anderen vorgeworfen hätte, ich bin sicher, dass ich das hätte, habe ich selbst getan. Wider besseren Wissens habe ich meinem Hund nicht das beste Leben ermöglicht, hab ihn in seinem Stress leiden lassen, bin den Problemen aus dem Weg gegangen. Unverzeihlich.

 

 

 

Was also tun?

 

Es besser machen. Dafür sorgen, dass andere es besser machen. Lernen, Wissen anhäufen ….

 

 

 

Ich schrieb mich an der ATN für tiergestützte soziale Arbeit ein und begann zu lernen.

 

 

 

 

 

 




- Und darum werde ich nie wieder aufhören zu lernen -